Relativity

Cover_Relativity

The Astronomical Unit
Relativity

1  parallel firsts 11:12
2  see the sun 09:45
3  degrees of three 13:04
4  shooting satellites 09:01

All compositions by Matthias Müller, Clayton Thomas, and Christian Marien. Recorded at Exploratorium, Berlin, March 3, 2008. Mixed and mastered at Studio Beige, Berlin, by Nicholas Bussmannm, January 9, 2009. Artwork: Chris Hinze.

Jazzwerkstatt 063      12,-€





liner notes by Wolf Kampmann:

Der Countdown läuft!

DREI… Anspannung. Noch bleibt Zeit zur Entscheidung. Verweilen oder Aufbruch? Warum das Vertraute zurücklassen, um vage umrissene Ziele anzusteuern? Der Weg scheint bekannt, doch wird man jemals ankommen? Und was dann? Bilder rasen vorbei, die uns zurückhalten wollen. Wir schütteln sie ab und fokussieren, was da vor uns liegt. ZWEI… Absolute Konzentration. Alle Verbindungen zur Außenwelt werden gekappt. Das eben noch Relevante zählt nicht mehr. Noch einmal tief Luft holen, dann atemlose Stille. EINS… Der letzte Augenblick im Hier vor dem ersten Augenblick im Dort. Der unmittelbare Moment, bevor sich das vor uns liegende Nichts in eine konkrete Situation und das Ungewisse in Gewissheit verwandelt. Ein spirituelles Vakuum von mikroskopischen Ausmaßen, das sich ins Unendliche ausdehnt. Und dann, eine winzige Ewigkeit später: START!

Es ist dasselbe alte Ritual, das schon zehntausendfach zelebriert und ebenso oft dokumentiert worden ist. Drei Musiker brechen auf, in einen gedachten Raum, den sie selbst erschaffen müssen, um sich darin auszubreiten. Sie haben bestenfalls eine Ahnung von den äußeren Komponenten dieses Gebildes, doch wissen sie nicht im mindesten, was sie darin erwartet. Haben sie die Abschussrampe verlassen, gibt es kein Zurück mehr, bis sie ans Ziel gelangt sind. Auf dem Navigator blinkt: IMPROVISATION.

Wohin jedoch führt Improvisation? Wann ist Improvisation gelungen, wann schlägt sie fehl? Wo liegen die Scharniere von Improvisation und Freiheit? Und gibt es sie wirklich, die viel zitierte Freiheit in der Improvisation? Diese Fragen beschäftigen improvisierende Musiker seit mittlerweile drei Generationen. Freilich, improvisiert wird, seit Menschen Töne hervorbringen, doch erst seit wenigen Jahrzehnten improvisieren Musiker mit dem Bewusstsein, (sich) frei zu spielen. Vieles ist gesagt worden und allzu vieles wiederholt. Immer dann, wenn Improvisation Selbstzweck wird und unter diesem Ansinnen ein Höchstmaß an Unabhängigkeit postuliert, limitiert sie sich selbst am meisten. Aber soll nicht gerade Improvisation immer auch eine Grenzerfahrung sein? Oder kommt es vielmehr darauf an, die Bilder, die im Augenblick vor dem Aufbruch abliefen, zu rekapitulieren und auf die Reise mitzunehmen?

Warum also noch einmal aufbrechen, wenn sich doch schon so viele auf die Reise gemacht haben? Einige von ihnen sind zurückgekehrt und haben uns ihre Geschichten mitgebracht. Andere haben wir nie wiedergehört. Es ist dieser unbändige Reiz, etwas Eigenes zu erzählen, der immer wieder neue Wellen von Klangreisenden aufbrechen lässt. Obgleich alle Räume ausgeschritten scheinen, tun sich doch immer wieder neue Dimensionen auf.

Matthias Müller, Clayton Thomas und Christian Marien verstehen es, von bekannten Ebenen aus neue Horizonte zu erschließen. Ihre Musik dokumentiert die Kunst der kontrollierten Ausdehnung. Sie brechen gemeinsam auf, verlassen aber nie alle drei gleichzeitig das Cockpit. Die Freiheit der Imagination steht in jedem einzelnen Moment in Einklang mit dem festen Willen zur schöpferischen Kontrolle. Sie stoßen in unbekannte Räume vor, geben aber niemals ihre eingeschlagene Bahn preis.

Und sie werden belohnt. Ihre astronomische Einheit stellt die Antithese zu dem häufig kolportierten Euphemismus auf, der Weg sei das Ziel. Absoluter Blödsinn. Der Weg ist der Weg und das Ziel ist das Ziel. Alles andere wäre eine schwärmerische Bemäntelung des Scheiterns. Natürlich ist Scheitern eine Komponente des Erfolgs, aber nur als Latenz, nicht als reale Option. Man muss sein Ziel nicht unbedingt kennen, man muss es lediglich erreichen. Leicht gesagt. Nur wer sein Ziel erreicht, hat sich nicht umsonst auf den Weg gemacht. Anders gesagt – und gerade unsere Astro-Reisenden machen dies deutlich – der Weg ist die Poesie, aber das Ziel ist die Erlösung. Das ist das Geheimnis des immer währenden Aufbruchs ins Goldland der Ausdrucksfreiheit.

Die Reise von Müller, Thomas und Marien setzt Imagination frei. Die unerwartete Reichhaltigkeit der Sounds macht vergessen, dass sich das Trio ohne weitere Hilfsmittel auf Posaune, Bass und Schlagzeug beschränkt. Das Vehikel wird zur Nebensache. Die Stille am Wegesrand gebiert immer wieder neue, faszinierende Klangkonstellationen. Die Musiker bewegen sich weiter, dem Hörer bietet sich jedoch Gelegenheit zum Eintauchen und Verweilen. Im Gegensatz zu den Akteuren haben wir Mitreisenden jederzeit Gelegenheit, nach Belieben auszusteigen und äußere Bewegung in innere Zustände zu übersetzen. Jeder Augenblick scheint die Ewigkeit zu transzendieren.

Der gemeinsame Sound mit all seinen spektralen Brechungen und verlockenden Zweideutigkeiten ist der Treibstoff, der den Shuttle indes stetig weiter trägt. Als Finale eröffnet sich ein grandioses Welttheater, den großen Momenten des Art Ensemble Of Chicago ebenbürtig. Das Trio streift die Strapazen des Weges ab und lässt sich fallen, gleichermaßen federleicht und tonnenschwer. Die Ankunft als Sinn stiftendes Moment des Aufbruchs. Eine runde Sache. Bis der nächste Countdown eingezählt wird.

Reviews:

“The trio of trombonist Matthias Müller, bassist Clayton Thomas and drummer Christian Marien, The Astronomical Unit is a no-compromise intersection of instrumental personalities able to transcend barriers through the generation of a kind of sonority that is dense or rarefied depending on circumstance. The banishment of whatever may resemble an even vague shape of “tune” or just a predictable structure, is the album’s main feature: events occur amidst sudden dynamic shifts, rapid discharges and unstable escalations for the large part of the performances, the music nearly inhospitable at first. But already at the second listen, one is set for a thorough comprehension of what the artists are willing to communicate. Müller is a worthy representative of the gallery of fine improvisers who decided to use trombone as a means of expression, a jargon which in this case appears quite akin to that of Jim Staley, an often forgotten name among the Rutherfords, Zummos and Lewises of the world. His jumpy talkativeness and outstanding reactivity are on a par with an explicit temperamental brilliance, every proposal uttered with spitefulness and irony at once. Thomas is great in utilizing the bass’ body parts to the maximum extent to delineate a comprehensive gamut of timbres, disentangling the instrument from the necessities of dullard jazzy pumping. Marien represents the third piece of excellence in the group, creating new methods for the disaggregation of the rhythmic particles which, recombined and meshed with additional percussive gradations, push the interplay all along the impervious paths of improvisational capriciousness. The whole album is comparable to someone who finds a way of smiling while launching invectives. A very good effort.”
(Massimo Ricci in Touching Extremes, November 5, 2010)

“Negating the cliché that three into two won’t go, bassist Clayton Thomas adds new textures to Relativity when his contributions expand the partnership of trombonist Matthias Müller and drummer Christian Marien showcased on Talk Talk.
Recorded within eight months of one another, these CDs are actually parallel elaborations of a similar improvisational process within either two or three parts. The major difference may be that The Astronomical Unit (AU)’s four tracks use words in their titles while Superimpose’s six use letters. Although an augmented stratum of tension exists within the AU’s improvisation which are, in the main, staccato and agitato, that seems to be deliberate. Berlin-based Müller and Marien have worked as a duo since 2006 and as trio with Thomas since 2007.
Initially members of the Olaf Ton band, Müller and Marien developed a common duo language from that experience. At the same time the trombonist collaborates with other musicians ranging from guitarist Olaf Rupp to multi-reedist Chris Heenan; while the drummer frequently works not only with musicians, but also with visual artists and dancers. An Australian turned Berliner, Thomas is now one of the busiest bassists in Central Europe, regularly working in combos featuring, among many others, French saxophonist Jean-Luc Guionnet and German trombonist Johannes Bauer.
On their own, Müller and Marien have evolved a free, but somewhat cramped, strategy. Involving double counterpoint, it appears as if every tone or measure expressed by one player is immediately answered by the other one, and vice versa. Moving beyond call-and-response, the idea seems to be that, should for instance, the drummer output rim shots and sectional snaps, equally expressive vibrating tongue stretches emanating from deep within the trombone must appear as well. Should Müller create a rubato hocketing throat growl, then Marien’s response involves percussive flams, rolls or drags.
With many tracks fading once concordance is reached, distinguishing tonal, features of these duets extend beyond technical instrumental quirks. Besides air propelled from his trombone in burps, snorts and sniffs, Müller also layers his improvisations with a unique form of onomatopoeia. Müller constantly hollers, mutters and mumbles under his breath in what could be the language of a secret society – or a Druid. Yet this parallel texture amplifies rather than supersedes his brass playing. Even when there are interludes of whistling grace notes or buried gutbucket growl from the trombonist, Marien’s ricocheting cymbal textures, off-side snare pressure or muscular bass drum beats speed up or slow down to meet the brass man’s expressions.
Paradoxically, it appears that timbral expansion from the bassist’s bag of tricks opens up Relativity’s sound. These new timbres also contribute to a tauter trio interaction. Thick, rebounding stops plus slippery sawing on the bass’s strings with a license plate instead of a bow propel higher pitches and encourage Müller to be more adventurous. Subsequently hand-muting his bell for softer grace notes or thinning his tonal output to yelp, bark and bite encourages similar unprecedented expansions from the others. Marien’s response involves herky-jerky rubs and drags on his drum tops, protracted shuffle beats, and passages where strokes tick and pulse like an over-wound clock. For his part, Thomas uses powerful stopping and straightforward walking to prevent the contrapuntal triple improvisations from splintering or spinning out of control.
While the sound journey on Relativity may appear to be more exhausting than the one which characterizes Talk Talk, each is memorable and praiseworthy.”
(Ken Waxman in Jazzword, September 13, 2010)

“Without a doubt a great fan of Rutherford, German trombonist Matthias Müller, in a cohesive trio format with Clayton Thomas on bass and Christian Marien on drums, takes the learnings of the great Brit into outer space. In four fully improvised pieces, the trio leads us on our interstellar journey, and it is quite an interesting one: it is one in which surprise and wonder reign. The notes are sparse and intense, the interaction telepathic and warm, moving quite well together, forward all the time.The sounds they create are minute, precise, full of new textures and shades of colors, unhurried, calm yet resolute. It does not have the raw energy of the duo albums of Müller and Marien, but the end result is even stronger. You will need open ears for this one, but you will not be disappointed. A truly powerful album.”
(Stef Gijssels in http://freejazz-stef.blogspot.com/2010/04/trombones.html)

“Die Astronomische Einheit, eine Maßeinheit für Entfernungen innerhalb eines Sonnensystems, beträgt 149.597.870.691 Meter. Was den Abstand zwischen Erde und Sonne ziemlich genau beziffert. Musikalische Geräusche, die diese Entfernung zurücklegen (und auf dessen Rückkehr endlos gewartet wird) verarbeitet das Trio Matthias Müller, Posaune, Clayton Thomas, Bass, und Christian Marien, Schlagzeug, auf seiner Reise ins Improvisationsfirmament in vielgestaltiger Weise. Im Ergebnis ist das aus Physik und Astronomie gemixte Experiment eine Fanfare für die musikalische Freiheit, denn Müller hält sich nicht mit Weisungsvorlagen auf. Was sich im Weltall, zwischen Sonnensystemen und seinen Trabanten, in absoluter Freiheit an unwiederholbaren Geräusch- und Melodieimprovisationen entwickelt, scheint für The Astronomical Unit als einziges Vor-Bild zu genügen. Die dreiköpfige Müllerei fabriziert auf akustischen Instrumenten einen Sound, dem das Unendliche, das Unvorstellbare der Galaxien anhaftet. Große Worte, zugegeben, die aber nichts mir kritiklosem Enthusiasmus zu tun haben. Sie sind nur der Versuch, das Unbeschreibbare, das Phänomen einer dem Nichts dienende Musik, zu beschreiben. Hier ist ein junges Trio am Werk, unverbraucht und mit offenen Ohren ausgerüstet, das ein kleines Wegstück der astronomischen Einheit mit einem Sound aus Effekt, Halluzination und erdiger Bodenhaftigkeit begleitet.”
(Klaus Hübner in Jazzpodium, May 2010)

“Matthias Müller, Clayton Thomas und Christian Marien arbeiten schon seit mehreren Jahren unter dem Banner „The Astronomical Unit“ zusammen und legen mit Relativitiy ihr neues Werk vor. „Astronomisch“ an ihnen ist, dass sie von sehr unterschiedlichen Positionen im Raum ausgehen und sich musikalisch aufeinander zu bewegen, sich gegenseitig quasi in Schwingungen bringen.
Der Posaunist Matthias Müller arbeitet schon seit Jahren als Duo mit dem Schlagzeuger Christian Marien oder anderen zusammen. Der australische Bassist Clayton Thomas kam vor einigen Jahren nach Berlin, weil ihn die hiesige Szene total faszinierte. Mittlerweile spielt er mit allen Musikern, die er mal bewundert hat, und erweitert sein Spektrum tagtäglich. Zwischen Müller und Marien ist er der Neuzugang und das Scharnier, das die immer wieder auseinanderdriftenden Kräfte verbindet.
The Astronomical Unit umspielt sich auf „Relativity“ in melodiösen Kürzeln, doch das instrumentale Können ordnet hier ganz und gar dem gemeinsamen Klang unter. Der gestrichene Bass wirft der Posaune Melodielinien zu, die dieser aufnimmt, konterkariert, umwandelt und wieder an den Bass zurückgibt. Christian Marien tritt mit seinem Spiel immer wieder dazwischen: minimalistisch, akzentuiert und doch voller Forscherdrang.
Auf „Relativity“ findet sich ein hochkonzentriertes gemeinsames Improvisieren, in dem die leisen Töne bevorzugt werden, aber auch keine Scheu besteht vor einer hohen Nervosität, in der sich die Instrumentalisten gegenseitig anstupsen.”
(Michael Freerix in Jazzdimensions, November 14, 2010)